Hallo, ich bin Antje Przyborowski. Ich bin 53 Jahre alt. Auch ich bin viele, viele Jahre durch die vielen Tiefen und wenigen Höhen des Kinderwunsches gegangen. Nach mehreren erfolglosen künstlichen Befruchtungen haben mein Mann und ich zwei Kleinkinder adoptiert. Kurz vor meinem 40. Geburtstag wurde ich tatsächlich das erste und einzige Mal in meinem Leben schwanger und dieses Kind blieb auch. Ein Wunder, das es – eigentlich – nicht hätte geben sollen, aber trotzdem hocherwünscht war.

Das klingt, als sollte alles gut sein. Doch mit der Ankunft der Kinder in unserem Leben war nichts mehr so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Unsere Adoptivkinder haben unser Leben aufgrund ihrer mitgebrachten Geschichte völlig auf den Kopf gestellt und uns weit über unsere Grenzen hinaus getrieben. Heute sind sie erwachsen, und nur noch unser „Nesthäkchen“ wohnt zu Hause.

All die Erfahrungen, die ich in den mehr als 25 Jahren mit Kinderwunsch und Kindern gemacht habe, haben mich bewogen, beruflich noch einmal umzusatteln. Heute bin ich Heilpraktikerin für Psychotherapie mit einer Ausbildung als Integrative Trauerbegleiterin und Schreibtherapeutin. Zur Zeit bilde ich mich zur TAKT-Traumatherapeutin weiter.

Mein Wunsch ist es, euch in eurer Kinderwunschzeit zu begleiten. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Trauerarbeit, denn Trauer ist nach meiner Erfahrung in der Kinderwunschzeit allgegenwärtig. Sei es durch die monatliche Regelblutung, die wieder jede Hoffnung zunichte macht. Oder durch Schwangerschaften im Freundes- und Familienkreis. Oder durch Fehl- und Totgeburten. Damit ihr in dieser schweren Zeit nicht allein seid.

 

Trauer in der Kinderwunschzeit

Trauer in der Kinderwunschzeit wird von Außenstehenden oft nicht gesehen. Wie kannst du um etwas trauern, was noch gar nicht da ist. Deine Mitmenschen können oft nicht verstehen, dass diese Kinder für dich als Betroffene schon da sind. Jedes Wunschkind existiert bereits in deiner Vorstellung. Ich hatte meine beiden geplanten Wunschkinder schon genau vor meinem Auge: einen aufgeweckten Jungen und eine wilde Hilde. Mit jeder Regelblutung starben sie. Der Schmerz, der dann in mir hochkam, war Trauer. Trauer um diese ungelebten Leben. Nur das ich das damals noch nicht wusste.

Wenn das wieder und wieder (bei mir über insgesamt 13 Jahre) passiert, geht das ganz schön an die Substanz. Ich fühlte mich minderwertig. Mein Selbstbewusstsein als Frau war ganz unten. Die Umwelt war meist auch nicht hilfreich, sondern oft abwertend. All die klugen Ratschläge und Sprüche von „Entspann dich mal“ über „Soll ich euch mal zeigen, wie es geht“ bis zu „Vielleicht ist es besser so“ haben mein Mann und ich gehört.

Auch die Zeit meiner letztlich erfolglosen künstlichen Befruchtungen (3 ICSI, eine Kryo) waren von einem emotionalen Auf und Ab geprägt. Da waren zum einen die hormonellen Schwankungen, die auch meine Gefühle Achterbahn fahren ließen. Dazu kam der Druck: Termine, verbunden mit einer mindestens einstündigen Anfahrt, waren wahrzunehmen. „Nebenbei“ ging ich Vollzeit zu arbeiten und musste trotz eines „Negativ“ weiter funktionieren. Die Ärzte wünschten, dass wir nach jedem „Negativ“ am liebsten gleich weitergemacht hätten.

Zeit für Trauer gab es nicht. Stattdessen empfand ich diese Zeit als Stress pur, also genau das, was ich eigentlich nicht haben sollte. Damals hätte ich mir gewünscht, jemand Außenstehenden zu treffen, der diese Situation nachvollziehen kann, der mit mir trauert. Wenn es anderen Paaren auch so ging, so wurde darüber nicht geredet. Auch ich habe es nicht thematisiert, weil ich mich für mein vermeintliches Versagen schämte. Mein Mann konnte mir dabei nur bedingt helfen. Natürlich wünschte er sich auch Kinder, war aber– wie er selbst sagte – emotional nicht so stark betroffen.

Damit ihr als Frauen und Paare, die ihr euch heute in so einer Situation befindet, nicht allein steht, möchte ich euch gern durch diese Zeit begleiten. Manchmal reicht eine Schulter zum Ausheulen, jemand, der zuhört. Manchmal braucht es therapeutische Interventionen, um einen weiteren Schritt im Leben gehen zu können, auch wenn er noch so klein ist.

 

Adoption als „Ersatz“ für leibliche Kinder

Wenn es mit leiblichen Kindern nicht klappt, kann eine Adoption oder Pflegschaft eine Alternative zu einem Leben ohne Kinder sein. Natürlich wird regelmäßig betont, dass Adoptivkinder kein Ersatz für leibliche Kinder sein können. Doch die wenigsten Menschen adoptieren Kinder aus altruistischen Motiven, sondern weil sie mit Kindern leben möchten, sie aufziehen, ihnen ein Zuhause geben möchten. Es stecken also eher egoistische Motive dahinter. Daran ist auch überhaupt nichts schlimm. Wir müssen uns nur darüber im Klaren sein und es anerkennen.

Mitte der 2000er Jahre haben mein Mann und ich erst einen 4jährigen Jungen und ein Jahr später ein 4 1/2jähriges Mädchen adoptiert. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir beide trotz der Vorbereitung durch die Adoptionsvermittlung ziemlich blauäugig in dieses Abenteuer gegangen sind. Wobei das vielleicht auch gut so war, sonst hätten wir es uns zweimal überlegt, ob wir uns das wirklich zutrauen.

Damals erzählte uns niemand etwas davon, dass diese Kinder schwer traumatisiert waren und welche Auswirkungen das auf ihr Verhalten und damit unser künftiges Leben haben würde. Einfach, weil dies im Jugendamt nicht bekannt war. Später wurde bei unserer Tochter auch noch ein Fetales Alkoholsyndrom diagnostiziert, welches die Situation zusätzlich stark belastete.

Wie groß der Unterschied zwischen einem schwer vorbelasteten Adoptivkind und einem leiblichen Kind ist, haben wir erst richtig gemerkt, als sich unser Wunderkrümel einstellte. Erst da wurde uns bewusst, was frühe Traumata bei einem Kind ausmachen. Und wir mussten erkennen, dass Liebe – egal wie viel – nicht alle seelischen Wunden heilen kann. Dass drei oder vier schlimme Jahre auch nicht in 15 oder mehr Jahren in einem positiven Umfeld wieder „gut“ gemacht werden können. Egal, wie man sich anstrengt.

Adoptiveltern stehen da auch heute noch oftmals allein mit ihren Problemen, die mit dem Kind ins Haus kamen. Sie haben sie nicht verursacht, müssen aber damit zurecht kommen. Deshalb möchte ich euch zur Seite stehen – sowohl mit meinen Erfahrungen als auch mit meinem therapeutischen Wissen. Denn Adoptiv- und Pflegekinder haben auch die Kraft, Familien zu sprengen. Diese Kinder sind in der Lage, all unsere seelischen Verletzungen, die wir vielleicht tief in uns vergraben haben und derer wir uns deshalb auch nicht bewusst sind, wieder aufzudecken.

Auf der anderen Seite können Adoptiv- und Pflegekinder auch sehr bereichernd für das eigene Leben sein. Viele Dinge hätten mein Mann und ich nicht gemacht, wenn diese Kinder nicht zu uns gekommen wären. Sie haben unsere Urlaubs- und Freizeitgestaltung beeinflusst und auch unsere berufliche Entwicklung. Unser Leben wäre heute ein völlig anderes ohne sie, wahrscheinlich auch ein Stück weit ein langweiligeres.

Was allerdings mit unseren Adoptivkindern nie ganz verschwand, war mein Wunsch nach einem leiblichen Kind. Er war sicher nicht mehr so stark wie vor den Adoptionen, schon weil unsere Kinder uns permanent forderten. Aber die Trauer, der Schmerz über jede Regelblutung blieb unterschwellig erhalten.

 

Auch mit einem leiblichen Kind wird nicht immer alles gut

Als dann mein Zwerg unterwegs war, schien alles gut zu werden mit dem Kinderwunsch. Die Sehnsucht nach dem leiblichen Kind war – verständlicherweise – weg. Doch dafür kamen andere Probleme auf mich zu. Da war die Ärztin, die unbedingt alle möglichen Untersuchungen veranlassen wollte, weil es doch „in meinem Alter“ eine Risikoschwangerschaft war und die nicht verstehen konnte, dass ich das nicht wollte. Da war meine Mutter, die mich allen Ernstes fragte, ob wir dieses Kind wirklich haben wollten.

Im Gegensatz zu vielen Anderen hatte ich eine wunderbare Schwangerschaft. Ich konnte bis zum Schluss arbeiten, was bei vielen Frauen nicht funktioniert. Mir ging es richtig gut. Doch danach war Schluss mit den rosaroten Wolken. Ich wünschte mir eine Geburt im Geburtshaus – Es wurde ein Kaiserschnitt im Krankenhaus. Ich wollte Stillen – Der Zwerg ging nicht an die Brust und wurde ein Flaschenkind. Ich hatte mir ruhige Zeiten mit ihm vorgestellt – Er war ein Schreikind. Andere Kinder schliefen mit drei, vier oder fünf Monaten halbwegs durch – Meiner machte das erst mit 2 1/4 Jahren.

In all diesen Momenten fühlte ich mich wieder wie eine Versagerin. „Alle“ bekamen eine natürliche Geburt, das Stillen und das Durchschlafen hin, bloß ich nicht. Zwar versuchte mein Mann, mich nach besten Kräften zu unterstützen, doch oftmals war ich völlig verzweifelt. Mittlerweile weiß ich, dass ich damit nicht allein bin, dass es viele Frauen gibt, denen es genauso oder ähnlich geht. Neben den hormonellen Schwankungen bringt uns auch der Schlafmangel an unsere Grenzen. Auch die Neugestaltung des Alltags mit dem Baby kann zu neuen Belastungen führen.

Vielen hilft es schon, wenn sie wissen, dass sie nicht allein sind. Gerade wenn das Baby nicht schlafen will, viel schreit oder nicht trinken will, ist es gut zu wissen, dass es anderen Frauen auch so geht. Denn wir sehen oft nur die, bei denen alles (vermeintlich) gut funktioniert. Die strahlen und ein stets zufriedenes Kind haben. Wir kommen in einen Tunnelblick, der uns unseren „Mangel“ immer wieder vor Augen führt. Wie in der „Hochzeit“ des Kinderwunsches, wenn wir um uns herum nur schwangere Frauen wahrnehmen.

Doch auch diese turbulente Zeit musst du nicht allein durchstehen. Zu akzeptieren, dass es so ist, wie es ist, kann ein erster Schritt sein, um besser mit der neuen Situation umgehen zu können. Gemeinsam können wir Möglichkeiten finden, die dir in deiner aktuellen Situation weiterhelfen können. Manchmal kann es auch hilfreich sein, den Fokus zu verschieben und zum Beispiel den Ansprüchen auf die eigene Perfektion auf den Grund zu gehen. Ich unterstütze dich gern darin.

 

Was dich in meinem Teil des Blogs erwartet

In diesem Blog schreibe ich abwechselnd mit meiner Kollegin Tanja Krieger, die sich bereits letzte Woche vorgestellt hat. Bei mir wird der Schwerpunkt neben dem Thema Trauer in der Kinderwunschzeit auch auf Adoption und Pflegschaft liegen. Dabei möchte ich dir nicht nur einen tieferen Einblick in diese Themen bieten, sondern auch meine Erfahrungen mit dir teilen.

Bis dahin wünsche ich dir eine schöne Zeit. Achte auf dich.

Antje Przyborowski